Text 1: Gesprächsrunde zum Thema: Umgang mit Gewalt in Schulen



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Aus dem Deutschen ins Vietnamesische !
Text 1:

Gesprächsrunde zum Thema: Umgang mit Gewalt in Schulen

(G: Gesprächsleiterin, L: Herr Lose, W: Frau Weber, K: Herr Kratzer, S: Frau Strauch, M: Herr Meißner)

G: Guten Morgen. Hier ist wieder Annemarie Großmann mit dem Vormittagsmagazin. Zunächst einmal möchte Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, und meine Gäste hier im Studio herzlich begrüßen. Wie jeden Tag um diese Zeit geht es um ein aktuelles Thema. Wir beschätigen uns heute mit der zunehmenden Gewalt an unseren Schulen. Was sind die Gründe? Was kann man dagegen tun? Ich habe dazu einige Expertinnen und Experten zu einer Gesprächsrunde eingeladen. Herr Lose, Sie sind Lehrer an einer Berliner Hauptschule. Vielleicht könnten Sie uns ein wenig über die Situation an Ihrer Schule berichten.

L: An unserer Schule spitzt sich die Lage inzwischen zu: Viele Schüler und Schülerinnen haben Angst vor gewaltätigen Mitschülern und kommen nicht mehr in die Schule. Die Eltern wissen das oft nicht oder erfahren es nur durch Zufall.

G: Ja, aber reden die Schüler denn nicht mit ihren Eltern oder mit den Lehrern über dieses Problem?

L: Sie sagen nichts, wei sie Angst vor den Tätern haben. Deshalb hilft es auch meistens nicht, mit ihnen zu sprechen.

G: Woran liegt es, dass es immer mehr aggressive Schüler gibt? War es früher denn anders?

L: Also Gewalt in der Schule hat es schon immer gegeben. In den 60er-Jahren, da waren es z.B. die Rocker. Aber so schlimm wie jetzt war es noch nie. Dafür könnte es viele Gründe geben: Scheidungen haben zugenommen, Vater und Mutter müssen beide arbeiten. Viele Eltern sind aber auch arbeitslos.

Na ja, und dann gibt es noch die Clique; das Fernsehen und die Video- und Kinofilme spielen ebenfalls eine große Rolle. Hier finden die Jugendlichen ihre neuen Vorbilder; meistens sind das brutale Helden.

G: Frau Weber, Sie sind Erziehungsberaterin und gehen in besonders aggressive Klassen im Bezirk Weddig in Berlin. Sind Sie der gleichen Meinung wie Herr Lose?

W: Nicht ganz. Sicherlich spielen die genannten Gründe eine große Rolle. Aber eine ganz wichtige Rolle spielt doch auch immer die Person des Lehrers oder der Lehrerin. Ich habe festgestellt, dass bei einem ganz bestimmten Lehrertyp die Gewalt unter Schülern zunimmt. Der Lehrer, der immer verständnisvoll ist, der glaubt, durch die Diskussion mit den Schülern könne er jedes Problem lösen – so ein Lehrertyp, der immer bereit ist zu diskutieren – also da werden die Schüler eher aggressiv.

G: Und wie sollte er sich verhalten?

W: Die Lehrer müssen den Schülern ganz deutlich zeigen, wer der Boss ist. Den Schülern muss klar sein, dass die Lehrer bestimmen und nicht sie.

G: Herr Kratzer, als Rektor einer Regensburger Hauptschule haben Sie sicherlich auch schon Erfahrungen auf diesem Gebiet gemacht. Was denken Sie: Ist der Lehrer schuld, wenn die Schüler aggressiv werden?

K: Ja, wir haben auch Probleme an unserer Schule. Ich meine, die Schülerinnen und Schüler brauchen schon einen Lehrer, der Verständnis für sie zeigt, der sie nicht ignoriert. Aber gleichzeitig sollte der Lehrer den Schülern genau sagen, wo die Grenzen sind, was erlaubt ist und was nicht. Und hier sollte er auch ganz streng sein. Je strenger ein Lehrer ist, desto eher hören die Schüler auf ihn. Desto größer ist auch die Chance, dass er ihnen nicht nur Wissen, sondern auch Rücksichtnahme und Toleranz beibringt. Und ich möchte noch hinzufügen, ganz wichtig ist auch, dass der Lehrer sein Fach beherrscht, dass er gut vorbereitet ist und abwechslungsreichen Unterricht macht, in dem die Schüler sich nicht langweilen. Denn auch Langeweile führt zu Aggression......................

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(weiter mit dem Thema: Umgang mit Gewalt in Schulen)
G: Frau Strauch, Sie unterrichten an einer Gesamtschule in Berlin. Bei Ihnen läuft ein erfolgreiches Projekt gegen Gewalt in der Schule.

S: Ja, wir haben eine Menge getan. So können z.B.äußerliche Veränderungen sehr viel bewirken.Man weiß ja inzwischen, dass große, hässliche Schulgebäude die Zerströrungswut und Aggressivität der Schüler verstärken.

Unsere Schule z.B. hat 1200 Schüler ab Klasse 7, also in einem Alter, in dem Jugendliche besonders leicht gewattätig werden. Allein von August bis Dezember letzten Jahres gab es sieben Fälle von schwerer Körperverletzung. Da musste etwas geschehen. Jetzt haben wir eine ganze Etage unserer Schule gemeinsam mit den Schülern als Freizeitbereich ausgebaut, es gibt da jetzt Tischtennis- und Billardtische, einen Fitnessraum, eine Töpferwerkstatt, ein Clubzimmer und ein Schüler-Café. Auf dem Schulhof wurde ein Teil für Ballspiele reserviert. Und wenn Jungen sich schlagen wollen, dann bekommen sie Boxhandschuhe und können auf einen Punchingball einschlagen. Der Erfolg dieser Aktionen: Es gibt an unserer Schule kaum noch Prügeleien, und es wird kaum noch etwas kaputtgemacht.

G: Na ja, aber das kostet natürlich alles auch Geld, und ich glaube, dass nicht alle Kommunen so großzügig sind wie der Berliner Senat, der Millionen zur Bekämpfung der Jugendgewalt zur Verfügung gestellt hat. Aber sicherlich könnte man auch mit weniger Mitteln die Schulen freundlicher gestalten, z.B. mit Bildern, Blumen o.ä.

Ja, jetzt möchte ich aber noch Herrn Meißner zu Wort bitten. Herr Meißner ist Hauptkommissar bei der Berliner Polizei. Herr Meißner, nach Aussagen der Polizei überfallen Jugendliche oft Gleichaltrige, um ihnen teure Jacken, Mützen oder auch Turnschuhe wegzunehmen oder um Geld oder Zigaretten von ihnen zu erpressen. Oft gibt es auch gar keinen besonderen Grund für den Angriff. Wie steht die Polizei zum Problem der Gewalt unter Jugendlichen?

M: Ich bin der Meinung, dass Lehrer und Eltern das Problem gar nicht richtig ernst nehmen. Sie wehren sich nicht gemeinsam mit den Schülern gegen gewalttätige Jugendliche. Deshalb gibt es immer mehr Gewalt an den Schulen.

G: Haben Sie da konkrete Vorschläge? Ich meine: Wie sollten sich die Erwachsenen verhalten?

M: Es ist ganz wichtig, dass Lehrer in den Schulpausen wirklich aufpassen, was da so passiert. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Viele gucken lieber weg, wenn Schüler sich prügeln, oder greifen viel zu spät ein. Anßerdem sollte im Unterricht über Gewalt gesprochen werden, auch über die Folgen von Gewalt. Man könnte da ja auch mal einen Polizisten oder Jugendrichter im Unterricht von ihrer Arbeit erzählen lassen.

Ich finde, gewalttätige Schüler und Schülerinnen müssen hart bestraft werden. In Schweren Fällen, wie z.B. Körperverletzung oder Erpressung, sollte die Polizei informiert werden.

G: Meine Damen und Herren, leider nähert sich unsere Sendung nun dem Ende. Ich danke Ihnen für das interessante und informative Gespräch und verabschiede mich von unseren Hörern und Hörerinnen. Wenn Sie etwas zu diesem Thema beitragen wollen, würden wir uns sehr freuen. Senden Sie doch Ihren Hörerbrief einfach an den Bayerischen Rundfunk. Ja, ich hoffe, Sie sind morgen wieder dabei bei unserem Vormittagsmagazin. Natürlich wieder mit einem aktuellen Thema. Machen Sie’s gut! Servus, Ihre Annemarie Großmann.


Text 2:

Thema: Beruf und Arbeit

Interview mit einer Dolmetscherin (R = Reporter, B = Frau Becker)

  1. Teil

R.: Frau Becker, Sie sind Simultan-Dolmetscherin und arbeiten unter anderem bei der Europäischen Union in Straßburg und bei der Europäischen Kommission in Brüssel. Könnten Sie zuerst ein paar allgemeine Worte über die Tätigkeit des Simultan-Dolmetschers sagen?

B: Ich denke, es ist korrekter, von Konferenzdolmetscher zu sprechen, schon deshalb, weil damit der Ort des Geschehens klar abgestreckt wird. Je nach Teilnehmerzahl arbeitet der Konferenzdolmetscher entweder konsekutiv – das ist gewöhnlich bei einem kleineren Kreis von etwa 2 bis 10 Personen – oder simultan, das ist bei größeren Veranstaltungen wie z.B. bei politischen oder medizinischen Kongressen.

R: Könnten Sie bitte erklären, was das ist: Konsekutivdolmetschen und Simultandolmetschen?

B: Also, beim Konsekutivdolmetschen fixiert der Dolmetscher mit Hilfe einer Notizentechnik Zusammenhänge auf seinem Block und anschließend übersetzt er in die Sprache des Gegenübers. Diese Zechensprache in den Notizen ist für ihn eine Gedächtnisstütze. Ein Blick darauf genügt, dann wendet er sich seinem Gesprächspartner bzw. Dem Publikum zu.

Und nun zum Simultandolmetschen: Simultandolmetschen geschieht fast gleichzeitig mit dem Originalredner über Kopfhörer und Mikrofon. Dafür braucht man eine komplette technische Anlage mit Kabine und Technikern vor Ort. Immer häufiger wird auch die Videokonferenz. Dabei sind die Dolmetscher vom Konferenzgeschehen räumlich getrennt und folgen dem Ablauf über Bildschirm. Manchmal sind sie per Satellitenschaltung aus einer anderen Stadt, sogar von einem anderen Kontinent mit den Vorgängen verbunden. Simultandolmetschen ist dann angebracht, wenn viele Teilnehmer zusammenkommen und vor allem viele Sprachen gesprochen werden.


  1. Teil

R: Danke, Frau Becker. Wie sind Sie Dolmetscherin geworden?

B: Über Umwege, das ist nicht selten in diesem Beruf. Zuerst habe ich Philologie studiert, nämlich Romanistik und Anglistik. Ich hatte recht unklare Vorstellungen über meinen Berufswunsch, und zwischen dem 1. und 2. Staatsexamen habe ich dann eine Pause eingelegt und in Paris einen Job als eine Art Übersetzerin und Dolmetscherin in der Industrie gefunden. Ich hatte Mitarbeiter in der kaufmännischen Abteilung und Ingenieure auf ihren Reisen durch Europa zu begleiten, ja, und da habe ich das Dolmetschen im weitersten sinne kennen gelernt. Ja, und dass ich als Kind bereits im europäischen Ausland gelebt hatte und auch so anderen Sprachen und Gepflogenheiten früh begegnet war, half mir sehr dabei, weil ich Aufgeschlossenheit, Unternehmungsgeist und Neugierde mitbrachte. All das braucht man in diesem Beruf, weil man mit Menschen in Verbindung treten und Kontakte für andere knüpfen muss. Ich habe dann nach gut zwei Jahren beschlossen, mein Studium durch das Referendarjahr abzuschließen, aber mir war klar, dass ich nicht im Lehrfach bleiben wollte, also begann ich mein Zweitstudium am Heidelberger Dolmetscher-Institut.

Um es kurz zu machen: Nach erfolgreichem Abschluss durfte ich mich dann in der Brüsseler Kommunikation als Hilfsdolmetscherin versuchen.


  1. Teil

R: Sie haben gesagt, Sie haben Anglistik und Romanistik studiert. Heißt das, dass Sie aus und in diese Sprachen übersetzen?

B: Ja. In Heidelberg habe ich Französisch und Englisch studiert, damals noch die übliche Sprachkombination. Sehr bald war das aber nicht mehr ausreichend, da Niederländisch und Italienisch sehr gefragt waren und in den folgenden Jahren durch die neuen Beitrittsländer der EU weitere Sprachen aktuell wurden wie Spanisch, Dänisch, Griechisch und kürzlich auch Norwegisch, Schwedisch und Finnisch. Jeder Berufsanfänger musste sich schnell für eine dritte Fremdsprache entscheiden.

Das war nun mein persönlicher Werdegang. Viele beginnen das Dolmetscher-Studium auch direkt nach dem Abitur an der Universität, in Dolmetscher-Schulen oder bei internationalen Organisationen oder in privaten Dolmetscher-Instituten. Einige Schulen verlangen sogar ein abgeschlossenes Erststudium. Ich arbeite aus dem Englischen und Französischen ins Deutsche, aus dem Deutschen auch ins Französische. Später habe ich übrigens noch Griechisch dazugelernt, vor kurzem habe ich mit Italienisch angefangen, weil ich seit einiger Zeit in Italien lebe.


  1. Teil

R: Aber Dolmetschen und Übersetzen ist ja nicht dasselbe. Was ist am Dolmetschen eigentlich so schwierig?

B: Der Dolmetscher stellt Kommunikation her. Jetzt sofort. Er arbeitet unter Zeitdruck, muss fähig sein, Zusammenhänge rasch zu erfassen und sie sprachlich umgesetzt zu vermitteln, damit sein Zuhörer anhand der Information handeln kann. Der Übersetzer hat selbstverständlich auch Zeiten einzuhalten, hat jedoch mehr Spielraum, kann vertiefen. Beides verlangt hohe Konzentration. Beides kann Stress erzeugen.

R: Könnten Sie uns vielleicht einmal beschreiben, wie ein normaler Arbeitstag bei Ihnen abläuft?

B: Das kann stark varieren. Grundsätzlich arbeitet ein Team vormittags und nachmittags je eine Sitzungseinheit, also je 3 Stunden. Sollte die Sitzung länger dauern, wird das Team entweder verstärkt oder ausgewechselt. Es können Besichtigungen in Werken, Baustellen hinzukommen, sich Abend- und Nachtsitzungen anschließen. Und dann gehören auch Abendessen mit Verdolmetschung von Tischreden zum Geschäft. Umgekehrt kann ein Einsatz auch extrem kurz sein z.B. dauert ein Fernsehinterview während der Nachritensendung oft nur eine Minute!

5. Teil

R: Und wie bereiten Sie sich auf Ihre Arbeit vor?



B: Durch Lesen! Sich einlesen und hineindenken in das Thema. Im Idealfall liefert der Veranstalter rechtzeitig eine Dokumentation, aber wie viele Ideale nicht die Regel! Also muss man sich über Lexika und Fachliteratur informieren. Jeder Konferenzdolmetscher legt sein Glossare an, sammelt Fachartikel zum Fachbereich und archiviert dieses Material für das nächste Mal.

R: Sind Dolmetscher eigentlich fest angestellt oder eine Art Beamte?

B: Also das ist so: Konferenzdolmetscher können nach einem Ausleseverfahren in einer internationalen Organisation oder in einem Ministerium die Beamtenlaufbahn einschlagen. Anderenfalls kann man freiberuflich tätig sein, als Freelance, indem man einem Dolmetscher-Sekretariat beitritt. Das Arbeitsfeld ist wirklich breit gefächert: Firmen bis hin zu multinationalen Großkonzernen, Verbände, die Medien, Regierungsinstitutionen, Gewerkschaften, Banken, aber vor allem internationale Organisationen. An erster Stelle steht im westeuropäischen Raum die EU mit all ihren einzelnen Institutionen.

R: Bitte, wie sind die Verdienstmöglichkeiten eines Dolmetschers?

B: Im Rahmen einer Festanstellung wie bei einer internationalen Organisation oder in einem Ministerium sicherlich gut. Der Freelance ist, wie jeder Selbstständige, Marktschwankungen unterworfen, da gibt es fette und magere Jahre.

R: Aber das Geld ist ja sicherlich nicht das einzig Attraktive bei diesem Beruf?

B: Nein, sicher nicht. Übrigens entscheiden sich erfreundlich viele Kollegen für die Selbstädigkeit und ziehen es vor zu streuen, d.h. sie arbeiten für Institutionen und den Privatmarkt. Ich finde, auch diese Abwechslung beflügelt den Geist. Unter wechselnden Arbeitsbedingungen dafür zu sorgen, dass Menschen miteinander kommunizieren, ja, das ist eine Befriedigung. Allgemein Reisen, neue Menschen: das hält auf Trab, stimuliert - ab und zu ist allerdings eine Pause vonnöten.

R: Sie haben auch Familie. Wie lässt sich das mit Ihrer anstrengenden Arbeit vereinbaren?

B: Wie es sich vereinbaren lässt? Mal besser, mal schlechter. Auf jeden Fall mit Hilfe von draußen. Oft muss improvisiert werden. Alle Familienmitglieder müssen lernen, sich auf Wechsel einzustellen. Und letzlich, oh Wunder, klappt die Organisation dann doch!

R: Prima! Frau Becker, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

B: Bitte, gern geschehen.
Text 3

"Gemeinsam wirtschaften - voneinander lernen" - Founders' Day Lecture von Bundespräsident Horst Köhler anlässlich eines Abendessens, gegeben von der Deutsch-Indischen Handelskammer, beim Staatsbesuch in Indien


05.02.2010
Mumbai, Indien

Vielen Dank für die freundliche Einladung, heute eine Ansprache bei Ihnen zu halten. Das ist eine schöne Gelegenheit, an die über 50-jährige Geschichte der Deutsch-Indischen Handelskammer zu erinnern, der größten deutschen Auslandshandelskammer.

Unsere beiden Länder verbindet allerdings eine noch zehnmal längere gemeinsame Handels- und Wirtschaftsgeschichte. Schon vor über 500 Jahren finanzierte Jakob Fugger, der Augsburger Kaufmann und Bankier, die Fahrt der ersten deutschen Segelschiffe nach Goa und erschloss so den Handelsweg zwischen Deutschland und Indien. Und Siemens stellte als Pionier der Informationstechnologie 1867 die erste Telegrafenverbindung von Kalkutta nach London her. Heute bauen Inder und Deutsche gemeinsam Autos und Windkraftanlagen, entwickeln moderne Klimatechnik und Medikamente - und lernen dabei voneinander.

Gestern habe ich mir zwei interessante Beispiele dieser fruchtbaren Zusammenarbeit angesehen: Die Produktion des VW Polo in Pune, der hier auf die Anforderungen des indischen Marktes zugeschnitten wird, und das indische Unternehmen Thermax, das in Kooperation mit deutschen Unternehmen unter anderem die Abluftreinigung an Kraftwerken verbessert. Thermax ist ein Beispiel dafür, wie vorausschauende indische Unternehmen auf Ressourceneffizienz achten und wie selbstbewusst sie auf dem Weltmarkt agieren.

Ich war sehr beeindruckt davon, mit wie viel Wagemut und Unternehmergeist Sie in Indien neue Wege gehen, wie Sie mit Begeisterung und Engagement visionäre Ziele verfolgen. Ein solcher Pioniergeist und Aufstiegswillen hat auch unser Land voran gebracht. Und auch heute gibt es in Deutschland engagierte Unternehmer, viele Mittelständler darunter, die die Krise als Chance verstanden haben und expandieren - auch nach Indien. Das ist begrüßenswert. Gerade in schwierigen Zeiten braucht es Entschlusskraft, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern. Ich denke, da können wir uns auch einiges von Ihnen abschauen!

Wir haben in Deutschland Lehren aus den Jahren stürmischen Wirtschaftswachstums ab den 50er Jahren ziehen müssen. So haben wir danach unsere Industrialisierung sehr stark zulasten der Umwelt vorangetrieben - und erst spät erkannt, wie sehr wir dadurch unsere Flüsse verschmutzen, unsere Böden verseuchen und unsere Wälder zerstören. Wir haben schmerzhaft lernen müssen, wie wichtig es ist, Umweltbewusstsein zu entwickeln und Wachstum nachhaltig anzulegen. Wir haben dann aber auch gelernt, wieviel Segen auf solchem Umweltbewusstsein liegt - und wie gut sich Umweltschutz am Ende auch ökonomisch rechnet.

Als in Deutschland in den 70er und 80er Jahren diese Debatten geführt wurden, da ging es vor allem darum, den Himmel wieder blau und die Flüsse wieder sauber zu machen. Dass unsere Art des Wirtschaftens und Produzierens auch weltweit Folgen für die Umwelt und damit für das Leben von Milliarden Menschen auf diesem Planeten hat, war politisch noch kein Thema. Heute ist das anders. Der Klimawandel wird weltweit ein Umdenken erzwingen und denen Wettbewerbsvorteile verschaffen, die darauf eingestellt sind. Ich habe in den letzten Tagen immer wieder gesehen und gehört, dass Indien das sehr bewusst ist. Deutschland wird Ihnen dabei gerne mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Dass die deutsch-indischen Wirtschaftsbeziehungen so eng und so vielfältig sind, kommt nicht von ungefähr. In vielerlei Hinsicht sind unsere Wirtschaftskulturen sehr ähnlich. Neben großen Unternehmen spielen in Indien wie in Deutschland die mittelständischen Familienunternehmen eine große Rolle. Sie prägen eine Unternehmenskultur, die auf langfristigen Erfolg, auf Nachhaltigkeit, auf Beständigkeit setzt. Diese kulturelle Nähe hat sicher dazu beigetragen, dass Direktinvestitionen längst keine Einbahnstraße mehr sind. Inder sind in Deutschland gern gesehene Investoren, weil sie langfristig verlässliche Partner sind.

Diese Unternehmenskultur, die nicht nur auf kurzfristigen Gewinn setzt, war auf dem internationalen Parkett schon fast ein wenig in Verruf geraten - sie galt manchem als antiquiert und behäbig. Dann kam die Finanzkrise und plötzlich besinnen sich viele wieder auf das, was wir in Deutschland den "ehrbaren Kaufmann" nennen. Der sollte sich nicht nur von ökonomischem Fachwissen leiten lassen, sondern auch von Tugenden wie Weitblick und Mäßigung, Ehrlichkeit und Ernsthaftigkeit, durch eine gute Balance von Vorsicht und Wagemut im richtigen Moment. Sein Blick richtet sich nicht nur auf die eigenen Bilanzen, weil er weiß, dass seine Geschäfte langfristig nur erfolgreich sein können, wenn es der Gesellschaft gut geht, in der er sein Unternehmen führt. Er braucht eine Erziehung, die nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch Charakter.

Die Rückbesinnung auf dieses Leitbild ist richtig, ja, sie war überfällig. Ich meine sogar: Das muss unsere zentrale Lehre aus dieser globalen Krise sein. Wir müssen wieder zu alten Tugenden zurückkehren. Die Wirtschaft - und gerade auch die Finanzwirtschaft - muss sich die Frage stellen: Was dient den Menschen?

Mich hat der Besuch der Einäscherungsstätte Mahatma Gandhis Raj Ghat am Dienstag dieser Woche tief beeindruckt. Dort gibt es die Tafel mit den sieben Todsünden der Modernen Welt. Eine der Todsünden lautet: "Reichtum ohne Arbeit". Und eine andere "Geschäft ohne Moral". Ich wünsche mir, dass alle, die in der Wirtschaft und gerade in der Finanzwirtschaft Verantwortung tragen, sich das zu Herzen nehmen und dafür sorgen, dass sich eine solche Krise nicht wiederholt.

Denn gewiss haben die Regierungen, Notenbanken und Aufsichtsbehörden Fehler gemacht. Gewiss müssen wir unsere internationale Finanzwelt besser regulieren - und die G-20-Staaten arbeiten daran. Aber in freiheitlichen, demokratischen Staaten kann es keine perfekte Regulierung und Überwachung geben. Demokratie und Soziale Marktwirtschaft lassen sich nicht auf dem Verordnungsweg erzwingen. Sie leben von Anstand, Bürgersinn, sozialen Normen, Maß und sittlichem Empfinden. Je stärker diese Tugenden gelebt werden, desto weniger Kontrolle braucht man. Wo diese Tugenden hingegen fehlen, da geraten der Rechtstaat und damit auch die Marktwirtschaft in Gefahr. Deshalb braucht der Markt auch Moral.

Und wir sollten noch etwas aus dieser Krise gelernt haben: Demut angesichts der eigenen Unwissenheit. Kaum jemand hat eine Krise solchen Ausmaßes vorhergesehen. Das sollte uns vorsichtiger machen in eigenen Urteilen und offener für andere Meinungen, für das, was wir von anderen lernen können.

Ganz falsch wäre es dagegen, sich jetzt einzuigeln. Abschottung hilft niemandem, sondern richtet nur noch mehr Schaden an. Der zügige Abschluss der laufenden Welthandelsrunde wäre ein wichtiges Signal, dass wir es mit der internationalen Kooperation ernst meinen. Machen wir uns also daran, dieses Ziel schnell zu erreichen. Wir haben schon einen so weiten Weg zurückgelegt. Sollten da nicht auch für die letzten offenen Punkte Lösungen zu finden sein?

Indien ist von der Finanzkrise weit weniger betroffen als andere. Der indische Finanzsektor hatte kaum toxische Papiere und relativ hohe Kapital- und Liquiditätspuffer. Das werden andere Länder sicherlich aufmerksam studieren. Indien kann seine Erfahrungen in die Diskussion im G-20-Prozess einbringen und damit die Regeln für den internationalen Markt, für den es sich ja öffnen will, mit beeinflussen. Diese Chance gilt es zu nutzen. Wir haben ein gemeinsames Interesse an einer strikten Regulierung und Aufsicht der Finanzmärkte. Zwar sind in Deutschland einige Finanzinstitute in der Krise schwer ins Trudeln geraten, aber wir können uns jetzt wieder besinnen auf unsere kontinentaleuropäische Stabilitätskultur, auf Geldwertstabilität, langfristiges Denken und Respekt vor dem Sparer. Wir freuen uns, wenn wir für diese Haltung auch internationale Partner gewinnen.

Lassen Sie mich noch einmal auf Gandhi zurückkommen. Er spricht nicht nur die Produzenten an, kritisiert nicht nur "Geschäfte ohne Moral", er wendet sich auch an uns alle als Verbraucher. Denn eine weitere Todsünde ist nach Gandhi "Genuss ohne Gewissen".

"Genuss ohne Gewissen" ist im besten Fall gedankenlos und im schlimmeren ignorant gegenüber den Folgen des eigenen Genusses für andere. Viel zu lange haben wir geglaubt, dass uns ein einfaches "immer mehr" glücklich macht - egal welche Folgen dieses "immer mehr" für unsere Mitmenschen und für nachfolgende Generationen hat. Wäre es nicht viel besser, nur noch so zu genießen, zu produzieren und zu konsumieren, dass wir das mit dem Erhalt unserer Einen Welt vereinbaren können? Diese Frage richtet sich in erster Linie an die Menschen in den Industrieländern. Ein Blick auf die Umweltbelastungen des steigenden Fleischkonsums lässt einen hoffen, dass mehr Menschen den indischen Ernährungsgewohnheiten folgen.

Wir messen unseren Wohlstand mithilfe des Bruttoinlandsprodukts. In den Industrieländern lernen wir gerade wieder, dass der Blick auf das Wachstum dieses Indikators doch ein sehr beschränkter ist, wenn man erfahren will, wie es um den Fortschritt einer Gesellschaft bestellt ist. Die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, hat ein umfangreiches Projekt ins Leben gerufen, das sich damit beschäftigt, wie der Fortschritt von Gesellschaften besser eingeschätzt werden kann als durch das statistische Bruttoinlandsprodukt. Ich finde, es lohnt sich auch für aufstrebende Nationen wie Indien, die zu Recht stolz sind auf die hohen Wachstumsraten ihres Sozialprodukts, diese Ansätze zu verfolgen - und damit vielleicht auch Fehler, die anderswo gemacht wurden und werden, zu vermeiden. Indien hat das erkannt und widmet deshalb zum Beispiel den Bereichen Gesundheit und Bildung im seinem aktuellen Entwicklungsplan besondere Aufmerksamkeit. Natürlich ist es ein weiter Weg von der Planung zur Implementierung. Aber indische Bundesstaaten selber zeigen, dass zum Beispiel eine hohe Alphabetisierungsquote möglich ist. Bildung ist zentral - für die persönliche Entwicklung jedes einzelnen und für die Gesellschaft als Ganzes. Indien steht hier vor großen Herausforderungen. Deutschland und Indien arbeiten auf Regierungsebene bereits bei der Berufsbildung zusammen. Aber dies ist nicht nur eine Sache für die Regierung, sondern für auch für Firmen, die auf gut ausgebildete Fachkräfte angewiesen sind. Daher kann ich Sie alle nur ermutigen: Engagieren Sie sich in der beruflichen Bildung! Verlassen Sie sich nicht darauf, dass andere für Sie ausbilden. Beteiligen Sie sich am Aufbau einer verlässlichen Ausbildungsstruktur, die Theorie und Praxis verbindet. Ich würde mich sehr freuen, wenn insbesondere deutsche Firmen ihre lange Erfahrung bei der beruflichen Ausbildung auch in Indien einbringen könnten. Lassen Sie uns doch ein gemeinsames Leuchtturmprojekt bei der Berufsausbildung auf den Weg bringen, so wie wir es gemeinsam beim "Indian Institute of Technology" in Chennai bei Forschung und Lehre getan haben. Sie werden sehen, es lohnt sich, an dieser Stelle besonderen Einsatz zu zeigen.

Rohinton Aga, der Gründer von Thermax, dem Unternehmen, das ich gestern besucht habe, hat das erkannt. Deshalb unterstützt Thermax das Programm "Teach for India", das sich zum Ziel gesetzt hat, allen Kindern eine exzellente Ausbildung zu ermöglichen. Denn, so sagt Herr Aga - und meine Damen und Herren, lassen Sie sich das mit auf den Weg geben: "Profit is not only a set of figures, but of values." Thank you!

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